Schattentänzer
Die Tagebücher der Syra di Ravan

 

Mittentag, 28. Seker, 15 n.H.

"Im Licht musst du leben, im Schatten darfst du sein" hast du mich gelehrt. Was du mich nicht gelehrt hast, war die Einsamkeit. Wenn ich des Abends die Maske dieses Lebens im Licht abstreife um das Sein im Schatten zu begrüssen, dann muss ich dies alleine tun. In Momenten wie diesen suche ich die Gesellschaft der Dunkelheit und den Trost der Gebete. Doch was ich dabei misse sind die Gesellschaft der Gläubigen und der Trost deiner Worte. Würdest du mich darob der Schwäche tadeln, Rovigo? Bestimmt würdest du das. Doch ich besitze nicht deine Stärke, deine Weisheit, deinen Glauben. Oh Rovigo, wie soll ich nur lernen, wachsen ohne deine Wegleitung? Wie soll ich leben? Wie soll ich sein?

Wie du es mich gelehrt hast führe ich des Tags ein Leben der Maskerade. Ein Possenspiel vor den Kulissen eines fremden Daseins. Wie ein Gaukler, der auf der Bühne des Lebens sein Spiel spielt. Zum ergötzen jener Gaffer die nichts anderes als das Possenspiel kennen und es für das wahre Sein halten. In dieser Maskerade habe ich meinen Schwertarm bei einer Gemeinschaft verdingt, bei der ich zumindest im Gestech und im Waffengang weiter wachsen und lernen werde. Die Gemeinschaft wollte den Gaukler in seiner Maskerade natürlich königstreu und gläubig sehen. Also war der Gaukler königstreu und gläubig. Doch es war ein schmaler Grat, auf dem der Gaukler wandeln musste. Stets bestrebt die Wahrheit zu meiden und doch nicht zu lügen. Fast schien mir das Verhör vor der Aufnahme in diese Gemeinschaft wie ein feiner Waffengang, bei dem präzise geführte Worte das flinke Rapier ersetzten. Ein kühner Tanz auf schmalem Grat. Am Ende obsiegte der Gaukler. Das Publikum war's zufrieden. Der Gaukler wurde in die Gemeinschaft aufgenommen. Der Tanz im Schatten gemeistert.

Doch auch ein Remis musste der Gaukler am heutigen Tage erfahren, Rovigo. Ich traf auf einen merkwürdigen Mann mit weissem Haar, welcher ebenfalls auf schmalem Grat zu wandeln scheint. Denn gleichwohl er sich zur gaffenden Schar bekennt, schien er doch einen Blick hinter die Kulissen des Lebens erhascht zu haben. Und darob nicht in empörtes Entrüsten verfallen zu sein. Wie er in erstaunlich gelassener Unbekümmertheit berichtete, scheinen ihm treue Anhänger unseres Glaubens bekannt zu sein. Er schien einigen von ihnen gar verhaltenen Respekt entgegen zu bringen. Er berichtete mir des weiteren von einigen, die er "Tardukai" nannte. Ein seltsames Wort. Was es wohl bedeuten mag? Der Fremde verglich sie mit Geweihten des Ordo Belli, nur dass sie auf den Pfaden des Einen, des Wahren wandeln. Und als der Fremde mir so vom vergangenen Krieg, von dessen Narben und von den Gläubigen des Wahren berichtete, da wurde der Tanz des Gauklers hin und wieder plump und ungelenk. Gleichwohl denke ich nicht, dass der Fremde des Gauklers Tanz durchschaut hat. Aber ich muss vorsichtig sein. So energisch es mich auch nach weiteren Hinweisen drängt, so sorgfältig muss der Tanz doch weiterhin getanzt werden. Zum Ergötzen der Gaffer. Zum Schutz des Gauklers. Ein Tanz in den Schatten.



Sonnentag, 29. Seker, 15 n.H.

"Dienen ist Ehre, Ehre ist Pflicht, Pflicht ist dienen" hast du mich gelehrt. Was du mich nicht gelehrt hast, war der Schmerz. Und wenn ich auf die klaffende Wunde an meinem Arm sehe, muss ich erkennen, dass die Wunde nicht annähernd so schmerzt wie mein verletzter Stolz. Bei der Allmacht des Einen, ich habe Schande über dich gebracht, Rovigo. Denn ich habe nicht nur einen Kampf der Ehre verloren, ich stehe auch vor einem Rätsel, das ich nicht lösen kann. Doch ich tue den zweiten Schritt vor dem ersten. Wie du es oft bei meiner Parade - Riposte getadelt hast.

Alles begann als müssige Plauderei mit einem anderen Angehörigen der Gemeinschaft, in die man mich gestern aufgenommen hat. Unser Weg führte uns in die Taverne zu Brandenstein, wo wir unsere vom Regen genässten Schwerter trockneten und ölten. Mein Begleiter - scheinbar ein ahnungsloser Mitläufer der Gaffer - gab seine letzten Münzen dahin um vom Schankwirt ein Brot zu kaufen. Doch noch während wir unsere Klingen ölten kam ein zerlumpter Ork daher, brüllte uns an und frass das Brot meines Begleiters auf. Ich stellte das Tier zur Rede und gebot ihm im Namen der Ehre, meinem Begleiter ein neues Brot zu kaufen. Allein was ich erntete war Hohn und Spott. Mehr noch. Um uns weiter zu verhöhnen zog dieses gottlose Tier eine Schärpe der Gemeinschaft hervor, der ich mich angeschlossen habe und erklärte uns unter üblem Sabbern, dass er diese erst kürzlich einem armen Anwärter abgenommen hatte. Einem Mittellosen das Brot zu nehmen und einem Schwachen die Schärpe zu stehlen! Welch ehrloses Tun! Es brauchte keinen Augenblick um zu wissen, was zu tun sei. Umso energischer herrschte ich das Vieh also an, das Brot zu bezahlen und die Schärpe zurück zu geben, um der Ehre Genüge zu tun. Allein was ich erntete war weiterer Hohn. Der Ork bot mir höhnisch an, sich mit mir im Waffengang zu messen, um hernach dem Sieger Brot und Schärpe zu überlassen. Und so zog ich meine Klinge blank. Und eben so tat es das orkische Vieh. Der Kampf war kurz und heftig, und gerade als ich einen herbeigelaufenen Elfen anherrschte, sich aus diesem Kampf der Ehre herauszuhalten, überrumpelte mich der Ork und hieb mich mit seiner Axt nieder. Meine Klinge fiel mir aus der nun kraftlosen Schwerthand. Ich mühte mich mit einer klaffenden Wunde am Arm wieder auf, nicht willens dem orkischen Vieh den Sieg zu überlassen. Doch ich versagte. Kindische Schwäche zwang mich zurück auf die Knie und in die endgültige Niederlage. Ich hatte verloren.
Doch dann geschah etwas, was ich nicht verstehen kann. Anstatt mich mit seiner Axt zu richten und die Schmach von mir zu nehmen, liess der Ork seine Klinge sinken und zollte mir auf seine ungeschlachte Art Respekt. Mehr noch der Seltsamkeit! Denn schliesslich - obschon er den Sieg errungen hatte - gab der Ork mir die gestohlene Schärpe zurück. Danach ging er von dannen und liess mich mit blutender Wunde, errungener Schärpe, verlorener Ehre und ratlosem Rätseln zurück. War der Ork ehrlos, weil er Brot und Schärpe gestohlen hatte? Oder war er ehrenhaft, weil er mir am Ende die Schärpe trotz seines Sieges überlassen hat? Kann Ehre aus falschem Tun erwachsen? Falsches Tun korrigieren? Falsches Tun gar negieren? Ist ein Tier wie dieser Ork überhaupt zu ehrenhaftem Tun fähig? Ach wärst du nun doch hier, mein Meister, um einen der lehrreichen Dispute zu führen, die ich immer so geliebt habe.

Die Taverne in Brandenstein ist noch immer von meinem Blut besudelt. Das Brot noch immer nicht bezahlt. Also werde ich statt dessen nun zurück gehen, das Blut entfernen und für das gestohlene Brot aufkommen, das ich durch meine Niederlage nicht wieder erlangen konnte. So wie du es sicher von mir erwartet hättest. Deinen Lehren zu dienen. Dir zu Ehren.



Endtag, 30. Seker 15 n.H.

"Der Gottlose spricht über seine Tugendhaftigkeit und bleibt untätig. Der Tugendhafte schweigt und handelt" hast du mich gelehrt. Was du mich nicht gelehrt hast war die Bitterkeit die erwacht, wenn man dazu verdammt ist, inmitten der Gottlosigkeit zu leben. Oh Rovigo, selten habe ich meine Gebete zu Angamon mit solchem Flehen und solcher Hingabe dargebracht wie heute. Denn wie sonst, wenn nicht durch Sein Wirken, kann der Gottlosigkeit und den Untugenden noch Einhalt geboten werden? Oh, weh mir, wie stinkende Jauche erfüllt die Scheinheiligkeit der verderbten Viere die Menschen, die wie Huren der Tugendhaftigkeit spotten, indem sie sie für sich in Anspruch nehmen.

Nachdem ich die Taverne zu Brandenstein von meinem Blut gesäubert hatte, rief der scheidende Tag mich zurück an den Ort, wo der Waffenappell und die Unterweisung der Gemeinschaft begann, der ich mich angeschlossen habe. Die Lektion verlief ohne Überraschungen und am Ende hiess uns der Lehrmeister, einen dahergelaufenen Orken aus der Umfriedung zu entfernen. Ich wandte mich ohne Waffe dem Orken zu und hiess ihn, sich gemäss dem Geheiss des Zuchtmeisters aus der Umfriedung zu entfernen. Ohne ein weiteres Wort zog der Orken daraufhin seine Axt und schlug mir vor den versammelten Anwärtern eine klaffende Wunde. Im Dreck liegend sah ich ihn noch Fersengeld geben und aus der Umfriedung fliehen. Und was ich noch sah, war die Schar der Anwärter, die sich weder um den Orken noch um mich kümmerten, sondern daneben standen und gemeinsam mit dem Zuchtmeister scherzten, lachten und Proviant austauschten, während sie lobpreisend Bellum anriefen. Allmächtiger! Ich lag blutend im Dreck, der Ork auf der Flucht und sie standen fröhlich lachend umher und preisten Bellums Namen!

Die Zeiten des Zweifels und des Fragens sind schon lange vorbei, Rovigo. Sie verbrannten damals auf jenen Scheiterhaufen. Und doch gestehe ich in all meiner Schwäche und Unvollkommenheit ein, dass mich immer wieder aufs Neue Bitterkeit, Wut gar, überkommt, wenn ich dem hurenhaften Treiben jener, die sich den scheinheiligen Lehren der Viere hingegeben haben, hilflos gegenüberstehen muss. In diesen Momenten wünscht sich der Gaukler auf seiner einsamen Bühne, die Maske herunter zu reissen, den Tanz in den Schatten zu beenden und dem gaffenden Publikum das wahre Sein zu offenbaren. Doch dem Gaukler bleibt nichts weiter als seine einsamen Gebete, der Trost der Dunkelheit, das Wissen um den wahrhaftigen Gott und der Tanz in den Schatten.

Mondstag, 1. Sekar 15 nach Hilgorad

Allmächtiger! Ich habe es geschafft, einen ganzen Tag lang nicht von Orks verprügelt zu werden. Vergebt mir mein loses Mundwerk, Rovigo, doch wenn das Streben nach Ehre und ein Ork aufeinander treffen, scheint das zumeist sehr schmerzhaft für mich zu enden. Wie in einem schlechten Possenspiel, bei dem der Narr auf der Bühne ständig über die selbe Kiste stolpert und das Publikum dabei vor Freude jauchzt. Doch wenn ich es recht bedenke, ist dies kaum lächerlicher als das Possenspiel, das sich heute in Brandenstein zugetragen hat. Auf Order gen Brandenstein entsandt, trafen wir dort am Markt auf einen laut schreienden Vermummten, der sich als fanatischer Anhänger des Bellum ausgab. In lautem Geschrei verfluchte jener den Ordo Belli und hob dabei Bellum über die anderen drei so geheissenen Götter. Der Ordo Belli hätte sich versündigt, indem er Bellum auf die gleiche Stufe wie die anderen drei Götter gestellt hätte. Der Ordo Belli müsse dafür gerichtet werden. Eine dabei stehende Geweihte des Ordo Belli lauschte seinen Ausführungen scheinbar interessiert, bis ein Streiter in den Farben des Lehensbanners einschritt und auf sein Geheiss hin der Bellums-Fanatiker in den Kerker geworfen wurde. Der Geweihten war es einerlei. Sie entfernte sich ohne weiteres Aufheben. Wie verderbt kann ein Irrglaube sein, wenn sich Anhänger gegen Anhänger wendet und der eine den anderen der Ketzerei bezichtigt? Wahrlich, Rovigo, es ist nicht minder kurios wie betrüblich. Ich beginne nun zu verstehen, dass unser Herr seine rettende Hand zurück gezogen hat, um die Insel vorderhand den armen Irrgeleiteten zu überlassen. Wahrlich, sie sind noch nicht bereit dazu, dass jemand den Vorhang des Possenspiels zurück zieht und ihnen die Wahrhaftigkeit zeigt.
Mein Leben hier macht dies nicht weniger einsam, aber wenigstens habe ich nun Hoffnung, dass bis zur nächsten Prügelei mit einem Orken die schlimmsten Wunden wieder verheilt sind.


Wandeltag, 2. Sekar 15 nach Hilgorad

Ein Gläubiger wurde gefangen genommen! Ich lauschte einem Gespräch, bei dem die Rede von einem Anhänger Angamons war, der im Kerker festgesetzt worden ist. Ich muss versuchen, zu ihm zu gelangen. Rasch. Verzeih mir, Rovigo, doch dies ist nicht die Stunde müssiger Schriften in dies Tagebuch.



Mittentag, 3. Sekar 15 n.H.

Ich konnte kaum mehr als Gerüchte in Erfahrung bringen, Rovigo, doch der Gläubige, den man eingekerkert hatte, scheint durch Angamons weise fügende Hand die Flucht geschafft zu haben. Die Tore der Umfriedung wurden erst unter grösster Aufruhr verriegelt, doch schon nach wenigen Zyklen schien man die Hoffnung aufgegeben zu haben, den Flüchtigen noch in der Umfriedung aufzufinden. Die Tore wurden wieder geöffnet und die Stätte wandelte sich wieder zu ihrem üblichen Umtrieb.
Hernach befahl man einen Übungskampf gegen ein Rudel Orken, welche bereits mit gebleckten Hauern geifernd gewartet hatten. Die Kämpfe waren kurz und hart und der steinerne Boden leckte zumeist das Blut der Menschen. Und noch während jene unter Qualen sich am Boden wälzten, rief der Zuchtmeister der Gemeinschaft seinen Herren Bellum und die Ehre an und ... drehte den ihm anvertrauten, verletzten Kriegern den Rücken zu, um statt dessen die Orken zu verbinden.
Ich sass abseits und kostete im Antlitz dieses gottlosen Tuns die dumpfe Bitternis der Hilflosigkeit. Weh mir, Rovigo, wie sehr flehte mein Herz in diesem Augenblick gen Angamon, er möge mir die Kraft und das Vermögen geben, diesem furchtbaren Spiel Einhalt zu gebieten. Doch das gottlose Tun blieb ungesühnt. Und nun, nachdem die Schatten obsiegt haben und mich wieder tröstliche Dunkelheit umfängt, beginne ich zu begreifen, dass all dies ehrlose Tun zu jenem langen Weg des Lernens gehört, dessen Anfang ich dank dir gefunden habe. Eine weitere Lektion voller Bitterkeit, zu kosten von der schwärenden Verderbtheit dieser Narren. Ein weiteres Scheiden eines Tages, welches ich allein geleitet durch Glauben und Gebete begrüssen musste. Doch seit heute gesegnet mit einem tröstenden Funken der Hoffnung. Denn nun weiss ich, dass dort draussen noch andere sind, die der Wahrhaftigkeit folgen. Dem Einen. Dem Herrn. Dank und Lobpreis Angamon.

Oh, nicht, dass ich es noch eigens erwähnen müsste, Rovigo, ich wurde wieder von einem Orken verprügelt...



Mittentag, 3. Oner 16 n.H.

Es ist lange her, Rovigo, seit ich dir Zeilen in diesem Tagebuch gewidmet habe. Es schien mir richtig, dies heute weiter zu führen. Denn wenn ich diese Zeilen schreiben, befinde ich mich in den Landen, die man mir als die geheiligten Lande Angamons beschrieben hat. Natürlich benutzte jener, der sie mir zeigte, andere Worte dafür. Doch man soll ihm keinen Vorwurf darob machen. Er wusste es nicht besser. Er plapperte nur nach, was man ihm vortrug.

Ach, Rovigo, es ist viel geschehen und doch war das meiste ohne Bedeutung. Das meiste, doch nicht alles. Die geheiligten drei Tage des Herrn liegen nun wieder hinter uns und an ihnen geschah es auch, dass mir die grösste Gunst zuteil wurde, seit ich auf der Insel bin. Am ersten Tag des Dunkeltiefs war es noch schwierig, das Ritual zu vollziehen, denn ich musste dafür die verschlossene Umfriedung verlassen. Ohne die Hilfe jenes Varin hätte ich es wohl nicht zuwege gebracht. Doch so war es möglich, das Ritual so zu vollführen, wie du es mich gelehrt hast. Doch die unbeschreibliche Gunst trug sich erst am Tag darauf zu.
Am zweiten Tag des Dunkeltiefs trug es sich zu. Ich verrichtete am verschlossenen Tor der Stadt Brandenstein meinen Dienst, welcher darin bestand, "nach Übel Ausschau zu halten". Oh diese Narren. Glauben sie wirklich, Eisen und Gestein würden sie vor der gerechten Hand Angamons verbergen können?
Es war wohl um den achten Hellzyklus, als uns allen eine grosse Gunst zuteil wurde. Es begann mit einem Sendboten Des Herrn. Einem schattenhaften Schemen, der von Seinem Kommen kündete. Wehklagen und wildes Geschrei hob an unter jenen, die dort am Tor waren, denn sie verstanden es nicht. Sie verstanden es selbst dann nicht, als vor dem Tor die Stimmen jener erklangen, deren Name von Seiner Grösse und Allmacht zeugt: Tardukai! Und als sie die frohe Botschaft von der Güte Des Herrn darboten, da zuckten Blitze vom dunkelschwarzen Himmel, in deren flackernden Schein wir schemenhaft die geheiligten Reiter sehen konnten. Welch gesegneter Augenblick! Doch oh, was trug sich hernach zu! Die Fehlgeleiteten spuckten auf die dargebotene Hand der geheiligten Krieger, zogen das Fallgitter hoch und jagten den Tardukai nach, die sich vor all dieser Ignoranz abgewendet hatten. Ich versuchte noch dem Durcheinander zu folgen, doch war ich nur zu Fuss. Es war vergebens. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Erinnerung an diesen geheiligten Moment wie etwas unendlich kostbares tief in mir zu verwahren. Geschützt vor den liederlichen Augen all jener, die nicht begreifen wollen.

Danach zogen sich die Zyklen in quälender Langsamkeit dahin, bis unsere Truppe am gestrigen Tage schliesslich zum Grenzwall auszog. Wir bezogen dort Stellung in der Torburg und dort geschah es denn auch, dass man mir die Ostlande wies und mir sagte, dass dies das Land des Herrn sei. Angamons Reich. Geheiligter Grund. Wie eine Antwort auf all meine Gebete war es mir erschienen. Wie ein Fingerzeig, was nun mein nächster Schritt auf meinem Weg sein soll.

So habe ich denn heute mein Bündel gepackt und die Gemeinschaft, der ich mich verpflichtet habe, hinter mir gelassen. Sie werden es gar nicht bemerken. Sie sind mit nutzlosem Tand beschäftigt und unter ihnen sind nur wenige, denen ich zutraue, über einige der Lügen hinaus zu sehen. Xavier vielleicht. Und vielleicht auch Varin. Doch die Zeit ist noch zu jung, um dies mit Sicherheit sagen zu können.

Nachdem ich die Gemeinschaft hinter mir gelassen hatte führte mich der Weg als erstes wieder zur Torburg. Ich passierte sie und als ich endlich den Fuss auf Sein geheiligtes Land setzte, da flehte ich darum, dass er mir den rechten Weg und den Pfad zu seinen Dienern weisen möge. Frisch gestärkt wählte ich darauf hin den Weg am nördlichen Gebirgszug entlang. Ich gelangte zu einem Schneefeld, welches sich weit nach Nordwesten hin erstreckte. Bis auf eine längst erstarrte Leiche fand ich dort jedoch nichts, also zog ich weiter gen Osten, bis ich auf einen weiteren Gebirgszug traf. Diesem folgte ich, bis ich auf einen befestigten Wall mit einem steinernen Wehrgang traf. Riesenhafte Trolle patroullierten darauf und ich flehte Den Herrn um Erkenntnis an, ob dies der Ort sei, an den er mich schicken wollte. Der Ort, an dem ich seine Diener finden sollte. Doch - weh mir - mein Flehen verhallte ohne Gehör. Allein die wütenden Schreie der Trolle schallten mir entgegen, also setzte ich meine Reise wieder fort. Nach einem beschwerlichen Marsch durch einsames Land gelangte ich schliesslich an einen See, in dessen Mitte eine Insel aufragte. An seinem östlichen Ufer fand ich eine zerstörte Siedlung, wo ich schliesslich Unterschlupf fand. Dort bin ich nun, Rovigo, inmitten des geheiligten Landes, vor mir ein Lagerfeuer, auf meinem Schoss das Tagebuch und in meinem Herzen die Sehnsucht treulich dem Pfad zu folgen, den Er für mich bestimmt hat. Ich will nun beten, Rovigo, und dann ruhen. Denn früh am morgigen Tag will ich meine Suche fortführen. Hier, in den geheiligten Landen Angamons. Ihm zu folgen. Ihm zu dienen. Ihm zu Ehren.

Mittentag, 3. Oner 16 n.H.

Am Ende der Reise findet sich stets ein neuer Anfang. So hast du es mich gelehrt und so ist es geschehen, Rovigo. Ich wünschte, ich hätte die geschmeidige Eloquenz der Gelehrten oder die filigrane Anmut der Geschichtenerzähler. Doch all dies misse ich. So will ich dir denn von den heutigen Ereignissen erzählen in den ungeschlachten Worten einer dankbaren Schülerin.

Nach einer kurzen Nacht in den Ruinen nahe des seltsamen Sees setzte ich heute bei Tagesanbruch meine Reise durch die geheiligten Landen fort. Zuerst entlang einer Mauer - einst wohl eine Stadtmauer - die in zerbröckelndem Marmor von der Vergänglichkeit alles Weltlichen kündete. Ein Mahnmal für die Vergänglichkeit weltlichen Tands. Ich folgte ihr wohl einen Zyklus lang, bis ich weiter auf meinem Pfad auf ein Gebirgsmassiv stiess, das sich trutzig in den sich eindunkelnden Himmel reckte. Ich folgte der Flanke des Gebirgszugs eine Weile, bis ich schliesslich vor mir in der Dämmerung einen Ort auftauchen sah, der anders war, als all die Ruinen, an denen ich den ganzen Tag zuvor vorüber gezogen war. Ich sage dir, Rovigo, an diesem Ort pulsierte die Kraft und Allmacht Des Wahrhaftigen! So kniete ich nieder und vollzog dort in stiller Einsamkeit das Dankesritual. Ich tat es einsam doch ich tat es voller Freude. Denn wahrlich, seit ich zu meiner Reise aufgebrochen war habe ich keinen Ort entdeckt, an dem ich mich Dem Wahrhaftigen näher gefühlt habe als hier. Wie trunken von köstlich schwerem Wein war ich, als ich das schlichte Ritual vollzogen hatte. Und voller Dankbarkeit. Denn Er hatte mich an diesen Ort geführt. Und als ich denn wieder aufbrach, so blieb ein Stück von mir zurück. So, wie du es mich gelehrt hast.
Ich setzte meine Reise schliesslich fort. Stets dem Gebirgszug folgend, bis ich zu einem seichten Bach kam, der in eine Höhle führte. Ich erkundete sie, doch war nichts auffälliges daran, ausser, dass sie trocken und sicher schien. Ich erkannte sie als nützlichen Unterschlupf für die kommende Nacht, merkte mir ihren Ort und verliess sie schliesslich wieder. Und dann geschah es. Gerade als ich am Bach kniete und Wasser schöpfte, geschah es.

Oh Rovigo, meine lange Suche hat ein Ende gefunden. Mein bisheriger Weg seine Erfüllung. Und nun stehe ich hier voll demütiger Dankbarkeit und berichte dir voller Freude und Stolz, dass ich gefunden habe, wozu ich einst aufgebrochen bin. Ich bin am Ende dieser Reise angelangt, edler Rovigo. Und voller Dankbarkeit und Demut tat ich im gleichen Augenblick den ersten Schritt auf zu einer neuen Reise. Einer Reise, die voller Fragen und Seltsamkeiten begonnen hat, voller Hoffnung und Freude, voller Geheimnisse und Erkenntnisse. Doch dies, edler Rovigo, ist eine andere Geschichte.


Am Ende der Reise ein neuer Anfang.

Gepriesen sei der Name des Wahrhaftigen.