Schattenkind
Die Tagebücher der Syra di Ravan

 

Wandeltag, 22. Triar, 1 n. H.
Heuthe war main achter Geburtsag. Wir haben erst fiel zum Herr Belum gebethet in unser Kapele. Wail ich nicht still gepliben binh hat Vater mich hintarher verhaun. Aber die Knie hapen mir so weh getan. Von Mama hapeh ih das Tagebuch hir bekomen. Sie hat mir gesakt wosu manh ein Tagebuch hatt unt das keinar auser mihr drinn lesen tarf. Dann hat sie gelähelt un mih in den Arm genomen. Vater hat gesakt sie soll das lasen. Vater ist schon streng. Er had mir ein klaines Buch mit Gebethe zum Herr Belum geschenk. Das mus ich jez auswendik lernen. Das Buch ist niht so schön wie das Tagebuch von Mama. Ih hab Mama so lieb. Rovigo had mir haimlich ein Holzschwert geschengt. So aines wie die Knapen es hapen dürfen. Er sakt, wenn ich ihm edwas von dem Zukerwerk das Selina immer maht bringe, zeikt er mir, wie man es benutzt. Dann verhau ich Enrico. Mein groser Bruder is dumm. Er verhaud auch immer den kleinen Jaime.

Sonnentag, 9. Querler, 5 n.H.
Vor zwei Wochen ist Meister Galen gestorben. Aber Mama unterrichtet mich viel besser als Meister Galen. Sie erzählt schöne Geschichten von mutigen Rittern und armen Mädchen die von bösen Männern weggeholt werden. Mein linker Arm ist gebrochen und tut weh. Mama habe ich gesagt, ich bin von Astibar gefallen, als er gebockt hat. Weil ich doch Rovigo nicht verraten darf. Das Holzschwert habe ich im Heu versteckt. Mama hat komisch gelächelt und mir dann das Haar gestreichelt.
Gleich kommt die Vitama-Geweihte um den Arm zu heilen. Ich mag sie nicht, weil sie immer so komische Kleider trägt. Solche muss ich immer zum Tanzunterricht anziehen. Tanzunterricht ist lächerlich und nutzlos. Das sagt Rovigo. Vater sagt, der Schwertmeister schwätzt zu viel. Aber ich mag Rovigo. Er kennt auch ganz gruselige Geschichten. Mein Bruder Enrico ist als Knappe zu Sandrigo geschickt worden. Jaime und ich haben danach in der Scheune getanzt und dann König-Hilgorad-und-sein-Hofstaat gespielt.

Endtag, 5. Trier, 6 n.H.
Vater und Mama haben gestritten. Jaime und ich haben an der Luke im Fechtsaal gehorcht. Vater hat gesagt, jetzt ist Schluss damit, dass Mama mich unterrichtet. Er will mich zu den Geweihten in den Ordo Belli schicken. Damit ich viel lerne, bevor er mich verheiratet. Er sagte, er hat schon mit Sandrigo gesprochen. Der hat mich beim letzten Bankett die Chaconne tanzen sehen. Sandrigo ist fett und sein Sohn auch. Ich will seinen fetten Sohn nicht heiraten. Mama hat nicht aufgehört Vater zu bitten, dass ich bleiben darf. Dann hat er laut geschrien, dass sie sich mit ihren Widerworten gegen den Willen des Herrn Bellum stellt. Und dann hat er Mama wieder verhauen. Jaime hat geweint. Aber ich durfte nicht weinen, weil ich ihn trösten musste. Dann ist Jaime eingeschlafen. Ich will nicht fort. Ich will lieber in der Burg bleiben. Bei den Hunden und den Pferden. Und ich muss doch auch Mama beschützen.

Wandeltag, 17. Carmar, 6 n.H.
Vater hat mich vor einer Woche in die Akademie des Ordo Belli zu Savaro gebracht. Ich hasse ihn. Ich hasse die schäbige Kammer hier im Konvent. Ich hasse das grässliche Essen. Ich hasse die Geweihten. Ich hasse die anderen Schüler. Ich hasse alles. Ich will wieder nach Hause zu Mama. Und in den Stall. Und ich will zu Rovigo und Jaime.
Gestern war Vater wieder hier und hat mit seiner Hochwürden geredet. Dann ist er zu mir gekommen und hat mich verhauen. Mama war auch dabei. Aber Vater hat sie aus der Kammer geschickt, bevor er mich verhauen hat. Danach war Mama ganz blass und ich glaube, sie hat geweint. Es tut mir so leid, dass sie wegen mir geweint hat. Ich will jetzt auch ganz artig sein. Dabei habe ich den Folianten gar nicht kaputt machen wollen. Das Tintenfass ist einfach umgefallen. Und für das blaue Auge von Danae kann ich auch nichts. Sie hätte halt nicht sagen sollen, dass Vaters Burg ein mickriger Ziegenstall ist. Danae schielt.
Ein neuer Bursche wurde in die Stallungen des Ordo Belli aufgenommen. Er heisst Brennan und als er mir sagte, ich wäre ein verzärteltes, adliges Gör das keine Ahnung von Pferden hat, habe ich ihn verprügelt. Danach haben wir Calis gesattelt und haben gewettet, wer sich länger auf ihm halten kann. Ich habe gewonnen. Brennan hat mir dann erzählt, dass seine Familie ihn an den Ordo Belli verkauft hat, weil sie keine Dukaten mehr hatten, um ihn durchzufüttern. Er kommt aus Rothenbucht und er sagt, er kennt dort jede Gasse und sogar einen Schurken, von dem man sagt, er habe schonmal jemanden ausgeraubt.

Mondstag, 21. Seker, 6 n.H.
Brennan der Stallburschen hat mir heute ein kleines Bündel gegeben. Er hat ganz leise gesagt, dass er es von Rovigo bekommen hätte. Als ich es in meiner Kammer aufgemacht habe, war ein kleines Tüchlein darin, in das eine blaue Blume eingeschlagen war. Das Tüchlein hat geduftet wie Mama und die blaue Blume war aus dem Beet, bei dem Mama, Jaime und ich früher immer gespielt haben, wenn Vater mit den Soldaten weg gewesen ist. Ich habe das Bündel ganz schnell versteckt, damit man es nicht findet und mir weg nimmt. Ich habe es gerade rechzeitig verstecken können, bevor seine Hochwürden kam und mich verprügelt hat. Danach musste ich zum Herrn Bellum beten und mich für die Prügel bedanken. Hochwürden meinte, das sei nur zu meinem Beste. Dabei habe ich doch gar nichts schlimmes getan. Danaes Nase wird sicher bald wieder heilen. So fett wie sie ist. Sie hätte halt nicht sagen sollen, dass sie es dem Hochwürden petzen will, dass mir der Stallbursche etwas zugesteckt hat.

Sonnentag, 9. Carmar 8 n.H.
Seit zwei Vitamas bin ich nun hier in der Akademie des Ordo Belli. Lesen und Schreiben haben wir nur noch einmal in der Woche. Auch Heraldik und die Geschichte Galadons. Die ganze andere Zeit sind wir im Fechtsaal, auf der Gestech-Wiese, in der Kapelle oder bei den hochnäsigen Anwärtern und Novizen im Osttrakt zum schwatzen. Vater hat mich einige Male besucht und mir erzählt, dass Sandrigo ungeduldig auf das Ende meiner Ausbildung wartet. Sandrigos Sohn ist noch fetter geworden, hat Rovigo mir hinterher zugeflüstert, bevor sie wieder abgereist sind.
Mama habe ich in all der Zeit nur zweimal gesehen. Wahrscheinlich weil die Geweihten es nicht gern gesehen hätten, wenn Vater ohne Mama zum Bellumsfest gekommen wäre. Sie ist so dünn und blass geworden. Und so still. Ich hätte so gerne mit ihr gesprochen, aber Vater war stets dabei. So konnte sie mich nur mit diesen liebevollen, seltsam traurigen Augen ansehen. Und schweigen.

Sonnentag, 29. Querler 11 n.H.
Brennan ist mir ein treuer Freund geworden. Und auch die einzige Verbindung zu Mama. Dank ihm und Rovigo ist es Mama hin und wieder möglich, mir kurze Botschaften zukommen zu lassen. Sie schreibt stets, wie gut es ihr und Jaime geht und dass ich mir keine Sorgen machen soll. Aber ich weiss, dass das nicht stimmt. Einige Male habe ich versucht, Brennan auszuhorchen. Aber er meinte nur, dass zuhause alles in Ordnung wäre. Doch an seinem Blick erkannte ich, dass er etwas verbirgt. Kürzlich sah ich ihn bei Sonnenuntergang hinter dem Stall mit einem Mann in schwarzem Kapuzenumhang tuscheln. Beide schienen sehr angespannt zu sein. Als der Fremde sich umdrehte um im nahen Wald zu verschwinden, wallte sein Umhang zurück und eine der letzten Strahlen der untergehenden Sonne blitzte auf seinem Schwert. Ich würde dieses Schwert unter tausenden wieder erkennen. Es war Rovigos Schwert.

Mittentag, 3. Carmer 11 n.H.
Seitdem ich das seltsame Treffen zwischen Brennan und Rovigo beobachtet habe, ist keine Nachricht von Mama mehr angekommen. Auch Brennan sehe ich kaum noch. Als ob er mir aus dem Weg gehen würde. Ich erlebe den Unterricht nur noch wie in Trance. Ständig kreisen meine Gedanken voller Sorge um die Menschen die ich liebe. Etwas geschieht. Etwas schreckliches. Ich kann es fühlen.

Wandeltag, 7. Oner, 12 n.H.
Die Akademie des Ordo Belli ist in blanker Aufruhr. Alle Lesungen wurden abesagt und uns wurde aufgetragen, die Tage im Gebet in unseren Kammern oder in der Kapelle zu verbringen. Gestern legten die Geweihten ihre Kriegsrüstungen an und haben unter dem kaltem Klirren des Stahls im Innenhof ihre Streitrösser bestiegen. Danach sind sie mit unbekanntem Ziel ausgerückt. An ihrer Stelle sind einige Geweihte des nahen Ordo Astraeli zu uns gekommen, um darüber zu wachen, dass wir im Gebäude bleiben und beten. Es gehen Gerüchte vom Namenlosen um. Wenn ich doch nur mit Brennan sprechen könnte. Aber ich habe ihn schon seit Tagen nicht mehr gesehen.

Endtag, 10. Oner, 12 n.H.
Die Geweihten sind heute zurück gekehrt. Mit dunkelrot besudelten Wappenröcken und von Blut triefenden Schwertern sind sie in den Hof geritten und die Hufe ihrer Pferde klangen auf den Pflastersteinen wie Totenglocken. Wenig später hat man uns in der Kapelle zusammengerufen, wo der Hochgeweihte schon auf uns gewartet hat. Wir mussten lange kniend beten, bevor er uns schliesslich erzählte, was geschehen war. In mehreren Dörfern waren Anhänger des Namenlosen ausgemacht worden. Eine Gemeinschaft, die offenbar schon seit Jahren unerkannt unter den Viergöttergläubigen gelebt hatte. Die Ordenskrieger waren ausgezogen, um sie zu jagen und zu richten. Und sie hatten reiche Beute gemacht. Die meisten waren von den Ordenskriegern gerichtet worden aber einige überlebende Anhänger des Namenlosen sollen in wenigen Tagen zur Abschreckung öffentlich hingerichtet werden. Ich bekam nicht mehr mit, was der Hochgeweihte sonst noch sagte, denn eine grässliche, kalte Furcht packte mich. Bei allen Gerechten! Etwas furchtbares wird geschehen! Ich weiss es!

Mondstag, 16. Oner, 12 n.H.
Ehre. Gerechtigkeit. Gnade. Welch ein Hohn. Welche Schande. Wie viele Tage ist es her, seitdem alles, woran ich je geglaubt habe, in den Flammen der Scheiterhaufen zerstört worden ist? Drei? Vier? Einerlei. Ich fürchte mich vor dem Schlaf, denn mit dem Schlaf kommen die albtraumhaften Bilder. Doch sie sind kein Albtraum. Sie sind die grässliche Wahrheit. Ein Dutzend Scheiterhaufen im Halbrund aufgestellt. Zur Belustigung eines gaffenden, geifernden Mobs. Darunter die höhnisch schimmernden Rüstungen der Ordenskrieger. Hasserfüllten Augen, die auf die armen Wesen auf den Scheiterhaufen starren. Geschundene Leiber und aufgequollene Gesichter. Kaum mehr am Leben. Halb nackt, ihrer Würde entblösst hat man sie an die Pfähle gebunden. Und unter den armen Seelen jene, die ich am meisten geliebt habe.
Brennan. Sein Kopf baumelte sinnlos hin und her. Sein Gesicht eine blaurote, aufgequollene Masse. Welche Gnade, dass ihn das Ende bewusstlos erreicht hat.
Neben ihm Jaime. Der kleine Jaime! Mein Bruder! Was kann ein halbes Kind tun, das es rechtfertigen würde, ihn bei lebendigem Leibe zu verbrennen?!
Doch grauenvoller selbst als der Anblick des zuckenden, lodernden Knabenleibes waren die Augen meines Vaters, als er unter dem Segen der Bellums-Geweihten auf die Gestalt neben Jaime zuschritt und ihr den Bauch aufschlitzte. Wie konnte man diesen Leuten nur derartiges Grauen im Namen des Glaubens antun? Wie konnte man sie aller Würde berauben und sie vor gierig gaffenden Augen öffentlich schlachten wie dreckiges Vieh? Ich verstand es einfach nicht. Selbst als der armen Gestalt die Gedärme aus dem Bauch quollen und die Wunde sie qualvoll langsam zugrunde gehen liess, verstand ich es nicht. Erst als mein Vater zurück trat und den Scheiterhaufen unter der Gestalt mit der Fackel entzündete, erst als die Augen der Gestalt voller Trauer zu mir blickten verstand ich es. Erst da begriff ich, dass mein eigener Vater meine Mutter geschlachtet hatte, die angeklagt worden war, eine Anhängerin des Namenlosen zu sein.

Mittentag der 18. Oner, 12 n.H.
Ich habe keine Tränen mehr. Und keine Gebete. Tag und Nacht kniete ich und flehte ich. Um Gnade, Beistand, Gerechtigkeit, Aufhebung des Unrechts. Doch allein was ich erntete war höhnisches Schweigen. Bellums Ehre, Astraels Einsicht, Vitamas Güte, Morsans Gnade. Nichts. Nichts. Nichts. Unrecht blieb Unrecht. Sie sind tot. Fort. Was bleibt ist Schweigen. Leere. Verzweiflung. Sie sind tot. Sie sind tot sie sind tot tot tot ...

Mittentag, 13. Oner, 13 n.H.
Ich weiss nicht, weshalb ich nach all der Zeit gerade jetzt wieder anfange, in mein Tagebuch zu schreiben. Vielleicht, weil es nun einen Morsan her ist, seit auf den Scheiterhaufen der Inquisition alles zerstört worden ist, an das ich je geglaubt habe? Oder vielleicht, weil Rovigo sagte, es würde dem Andenken meiner Mutter ehren, wenn ich ihr Tagebuch wieder verwenden würde?
Rovigo. Der treue, alte Schwertmeister. Seit der Nacht, in der ich aus der Akademie des Ordo Belli geflohen bin, ist Rovigo mein stets treuer, verlässlicher Gefährte gewesen. Mentor, Lehrer, Waffenbruder. Aber vor allem anderen ist er jener, der mir die Augen geöffnet hat für die Lügen, in denen ich all die Jahre gelebt habe. Durch ihn erst lernte ich zu verstehen. Durch ihn erst fand ich zum wahren Glauben.
In all den Monaten seit der grauenhaften Schlachtung meiner Liebsten waren Rovigo und ich auf einer fiebrigen, nervösen Flucht vor stets misstrauischen Geweihten und den Häschern meines Vaters gewesen. Wir fanden immer nur dann kurze, kostbare Augenblicke des Ausruhens, wenn wir auf eine der geheimen Gemeinschaften trafen, die Angamon dienten. Dort fanden wir Unterschlupf und Zuspruch. Dort heilten unsere Wunden an Leib und an Seele. Dort war für uns stets ein kleines zu Hause. Und dort war es auch, wo ich zum ersten mal getötet habe. Dort, in der kleinen Hütte des alten Remigius, der uns Unterschlupf gewährt hatte. Noch heute höre ich das Krachen der Tür und das Donnern der schweren Stiefel des Schlächters, der gekommen war um Remigius zu holen. Rovigo und ich hatten unsere Waffen blank gezogen und den Schlächter gemeinsam gerichtet, noch ehe dieser eine seiner gottlosen Anrufungen loswerden konnte. Den alten Remigius nahmen wir eine Weile mit auf unserer Flucht, bis er weiter im Süden Unterschlupf bei braven, angamonfürchtigen Leuten fand. Seitdem ist viel geschehen, doch ich habe den Eindruck, als ob mein Weg erst begonnen hätte.

Sonnentag, 14. Dular, 14 n.H.
Rovigo ist tot. Oh Angamon, mein Herr, nimmt es denn nie ein Ende? Wird das Unrecht und das Schlachten denn niemals aufhören? Werden die stählernen Klauen der Ordenskrieger jeden richten, den ich ehre und liebe? Wird der Schmerz denn niemals enden? Oh Angamon, gib mir das Herz, das Wissen und die Hand den Weg weiter zu gehen, den Rovigo mich gelehrt hat. Oh Angamon, steh mir bei. Rovigo, mein Mentor, Lehrer, Waffenbruder. Niemals soll dein Werk in Vergessenheit geraten. Niemals soll das Unrecht obsiegen. Niemals wieder sollen die Unschuldigen von der kalten Klaue der Verblendeten gerichtet werden. Niemals wieder …

Wandeltag, 2. Duler, 15 n.H.
Ich weiss nicht, wie oft Joran mir schon gesagt hat, dass ich bei ihm und den anderen in Rothenbucht bleiben soll. Aber ich kann nicht. Zu vieles ist hier geschehen. Zu viel Unrecht getan worden. Ja, es ist eine Flucht. Aber wenn ich hier bleibe, werde ich früher oder später den Schergen der Lüge in die Hände fallen. Oder noch schlimmer: der dumpfen Gleichgültigkeit anheim fallen, die einem die Augen vor all dem Unrecht verschliesst. Nein, das kann ich nicht. Ich muss das Erbe Rovigos und all jener, die ich geliebt habe, bewahren. Darum muss ich fort und weiter auf dem Weg gehen, den Rovigo und all die anderen Mutigen mich gelehrt haben. Fort. Gen Siebenwind. Zu lernen, zu wachsen, zu dienen. Dem Einen. Dem Wahren. Angamon.